Wolfgang Prüssner


Herford

in den 1980er Jahren


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Wolfgang Prüssner auf dem Fußballplatz

Meister der Lokalfotografie

Wolfgang Prüssner,
geboren 1953 in Brilon, Fotoreporter der Neuen Westfälischen Zeitung, hielt in den 1980er-Jahren das Leben in Herford mit analoger Präzision, Tempo, Humor und viel Leidenschaft fest.

Ob Unfall, Sportereignis oder Gruppenfoto – seine Aufnahmen erzählen von einer Stadt und ihren Menschen.

Wir haben ihn zu Hause in Herford getroffen, um mit ihm über seine Arbeit zu sprechen und auf eine Zeit zurückzublicken, in der Fotografie noch echtes Handwerk war.

Von Reimar Ott und Reinhard Krause


wolfgang
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Jugendmodenschau auf dem Münsterkirchplatz

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Kartoffelschälwettbewerb

„Ich war gelernter Versicherungskaufmann. Mein Vater hatte eine Allianz-Generalvertretung, die ich übernehmen sollte. Aber wie das so ist zwischen Vater und Sohn, hat das nicht so richtig funktioniert. Also habe ich das hingeschmissen und überlegt, was ich jetzt machen könnte."
Schon als Jugendlicher hatte er seine erste Kamera – eine Konica, ein Geschenk seiner Eltern:


„Damit bin ich herumgelaufen, habe fotografiert und gemerkt, dass Fotografie einfach Spaß macht. Also bin ich zum Arbeitsamt gegangen. Die sagten nur: ‚Jo, viel Glück. Geh mal zum Werbefotostudio, Vogelsänger.‘
Freitagabend bin ich einfach reingeschneit und habe gefragt, ob ich Herrn Vogelsänger sprechen könnte. Da saß er, paffte Zigaretten, trank einen Schluck Armagnac, und ich mittendrin. Die Sekretärin konnte nicht mal lüften. Am Ende sagte er: ‚Weißt du was? Montagmorgen fängst du hier an.‘ So begann es.


Zuerst habe ich Kabel aufgerollt, die Kamera geschoben, Hintergründe gestrichen, Filme eingelegt. Man ging durch alle Abteilungen: Entwicklung, Farbe, Dia, alles. Da habe ich alles über Fotografie gelernt, was man lernen kann. Später kam der Prüfungsschuss für den Abschluss, das Dia wurde genau unter die Lupe genommen und, bestanden.

Ich arbeitete ein paar Jahre dort, aber es wurde schnell langweilig: nur Möbel, Kaffeeservice, Rheumadecken, Pötte, für Neckermann, Karstadt und tausend andere Firmen. Ich dachte, da muss doch etwas anderes zu machen sein.“


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Modenschau

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                                                          herford
im Schwimmbad

Wolfgang Prüssners Weg in die Lokalfotografie begann dann durch einen Zufall:


„Mein Vater hatte Besuch von einem Kunden, einem Lokalsportredakteur der Neuen Westfälischen in Herford. Der sah ein paar großformatige Farbfotos, die ich mitgebracht hatte, und war beeindruckt. So kam der Kontakt zur Zeitung zustande. Ich bin dorthin gegangen – und dann fing das ‚Elend‘ an mit der Zeitungsfotografiererei. Ich habe nie wieder aufgehört.

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Festumzug in der Innenstadt

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 Mülltonnenrennen
 



Prüssner wurde "fester freier" Mitarbeiter.
„Wir kriegten unsere Filme, hatten ein Auto zur Verfügung und wurden pro Foto bezahlt – 25 Mark pro gedrucktem Bild.  Mein Chefredakteur sagte mal: ‚Was willst du angestellt sein? Du verdienst ja mehr als ich.‘ Und das stimmte, weil ich ja Lokales und Sport gemacht habe – sieben Tage die Woche.“


Lokalzeitungsfotografen spielten eine zentrale Rolle bei der Berichterstattung über das regionale Geschehen. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals technisch anspruchsvoll: analoge Kameras, chemische Filmentwicklung und Abzüge in der Dunkelkammer verlangten höchste Präzision. Mobilität und Flexibilität waren unerlässlich, da viele Termine kurzfristig stattfanden, oft frühmorgens, spätabends oder am Wochenende. Geschwindigkeit, ein Gespür für den entscheidenden Moment und emotionale Belastbarkeit waren genauso wichtig wie fotografisches Können.

pruesnerZirkuselefanten auf dem Weg vom Bahnhof zum Festplatz  

pruessnerSchäfer Kestin aus Herringhausen auf der unteren Talstraße

In der Stadt waren sie bekannt und geschätzt, immer unterwegs, allgegenwärtig und stets ein wenig in Eile. Meist männlich und echte Allrounder, trugen sie wetterfeste Lederjacken, Jeans und sportliche Schuhe. Die Devise: lieber in Lederjacke zum Bürgermeisterempfang als im Anzug im Regen am Spielfeldrand. Die von ihnen Fotografierten freuten sich, ihr Bild in der Zeitung wiederzufinden, ein besonderer Moment, der die Bindung zwischen Lesern und Redaktion stärkte.

pruessnerHökerfest 

feier Theatergruppe

„Du kamst morgens in die Redaktion, da war Konferenz, dann erst mal Post ohne Ende, alles wurde durchforscht. Und dann wurden die Termine vergeben: Der eine machte dies, der nächste das. Jeder hatte seine Termine und jeden Tag gab es etwas Neues. Alles, was reinkam, wurde bearbeitet."

pruessnerDemonstration der Gewerkschaft öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) 

pruessner Schülerdemo

Die Themen, die Prüssner dokumentierte, waren vielfältig: Modenschauen, Stadtfeste, Osterfeuer oder Baumpflanzungen, hin und wieder Demonstrationen oder der Besuch von Politprominenz. Dazu kamen Schulprojekte, Vereinsfeste, Ausstellungen, Senioren-Kaffeetafeln, Jubiläen und Ehrungen. Konzerte, Lesungen, Wohltätigkeitsaktionen und Porträts aus dem Alltag, immer festgehalten mit Leidenschaft und dem Blick fürs Besondere.

„Hatte man nichts Aktuelles, habe ich gesagt: ‚Dann machen wir lachende Kinderaugen, ein Baby, oder was mit Tieren.‘ Das war meist nett und hat immer gut funktioniert."

pruessnerFerienaktion für Kinder

pruessnerPudelsalon

...und immer wieder Gruppenfotos:
„Gruppenaufnahmen war nicht so mein Ding, aber ich habe das ganz gut hinbekommen. Wenn da so viele sind, kriegst du die Gesichter oft nicht frei, die Kleinen nach vorne, hinten steht wieder einer, immer hin und her. Du musst die Leute arrangieren, wie ein Dirigent. Früher sollten alle ‚Cheese‘ oder ‚Spaghetti‘ sagen. Und wenn sie das schon kannten, sagte man mal ‚Ameisenscheiße‘, bei ‚Scheiße‘ verzogen sie das Gesicht, und es sah aus wie ein Lachen.

Ich war immer ein lockerer Typ. Das musste sein. Wenn du nicht locker bist und verbissen in den Lokaljournalismus gehst, brauchst du gar nicht erst anfangen. In Herford kannten die mich alle."

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Grillplatzeröffnung

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Tanzstudio

„Dann gab es die Szene, wie wir sie nannten: Geschäftseröffnungen. Der eine Laden machte auf, der andere machte zu, jemand eröffnete eine Frittenbude, ein anderer schloss, das wurde gesammelt und samstags veröffentlicht. Da war man schon mal einen halben Tag unterwegs."

pruessnerWinterschlussverkauf im Kaufhof 

pruessnerBäckerei

„Zusätzlich machte man Kontrollfahrten: Wo es Baustellen gab, wurde festgehalten, was dort entstehen sollte. Der Architekt wurde angerufen, Bauvoranfragen wurden eingeholt, freie Felder fotografiert – alles wurde dokumentiert. So lief das ab, Tag für Tag.“

pruessnerBünder Straße

...oder die Schützenfeste: „Ich habe in einem Jahr zwölf Schützenfeste gemacht. Jedes Dorf. Zwei Schützenfeste in Herford und dann noch drumherum. An jeder Ecke, jede Woche war ein Schützenfest. Das habe ich gerne gemacht. Ich war selbst Schütze, Mitglied im Herforder Klub und kannte auch viele. War normal. Das war für mich ein Heimspiel.“

pruessnerSchützenfest in Eilshausen

Herausragendes gab es eher selten, Prüssner erinnert sich:
„Das war mal ein Highlight. Das war ein Bahnhofsfest in Herford. Das war der Einzug, die alte Lok aus Fürth, die erste Eisenbahn überhaupt, mit dem ICE. Da habe ich einen tollen Schuss hingekriegt, ein tolles Foto. Das Ding habe ich über 250 Mal vergrößern müssen. So haben mich die Leute angerufen, die Eisenbahnfans. Jeder wollte das Bild haben.“


pruessnerBahnhofsfest

  „Oft war es ein langer Arbeitstag mit vielen Abendterminen, Konzerten, Discoshows, Miss-Wahlen – das fing doch erst spät abends an, wie in der Phoenix Music-Hall und im Go-Parc. Da waren sie alle, Karel Gott, Roy Black, Peter Maffay. Das waren Zeiten. Bei großen Konzerten hatte man nur drei Minuten Zeit, da hatte ich vier Kameras umhängen, da hast du für die drei Minuten richtig geackert, da warst du in Schweiß gebadet."

pruessnerPeter Maffay

pruessnerDisco-Modenschau

pruessner Miss-Wahl

pruessnerFans

„Es gab viele Brände, Feuerwehr, Sturmschäden und mal ein Hochwasser. Aber Unfälle habe ich gemacht, von morgens früh bis abends spät - überall hat es geknallt, und dann musstest du raus, auf die Autobahn oder in die Innenstadt."

Meist waren es Blechschäden doch manchmal gab es auch schlimme Ereignisse:
„Manches war schrecklich, das konnte man nicht veröffentlichen, haben wir auch nicht, nur die Bilder die von weiter weg die nicht so brutal waren. Aber du selbst hast das ja alles gesehen, Und gleich zweimal, einmal durch die Kamera und dann noch mal in der Dunkelkammer. Es war Teil des Jobs aber vieles kriege ich auch heute noch nicht aus dem Kopf "

Unfallinformationen gab es direkt von der Polizei:
„Die Polizei hat mich angerufen und gab mir Tipps. Ich kannte viele Polizisten sehr gut, wir waren eine kleine Clique. Die sagten dann: ‚Da kommt der Prüssner, dann kriegen wir ein paar Fotos.‘ Das war eben so, Hand in Hand.“


pruessnerHochwasser am Zusammenfluss von Aa und Werre

pruessnerSturmschaden

pruessnerUnfall mit Lkw

pruessnerUnfall mit Pkw

Sport war ein zentraler Bestandteil von Prüssners Arbeit und seine Spezialität:

„Angefangen habe ich ja mit Sport und habe alles fotografiert, Freizeitsport, Radrennen, Tennis, Handball, am Sonntag aber hauptsächlich Fußball. Da hattest du schon mal fünf Spiele an einem Tag und alle fingen gleichzeitig an. Da musstest du überall hinfahren, das war eine richtige Reise über die Dörfer. Das habe ich nur mit dem Motorrad geschafft, mit dem Auto ging das gar nicht. Ich hatte damals eine Moto Guzzi und bin damit rumgeknallt. Fünf Spiele, fünf Bilder, die mussten her, egal wie, die waren ja schon eingeplant. Das war richtig Arbeit."

pruessner Radrennen Wiesenstraße, Ecke Lützowstraße

pruessner...und Querfeldein beim Sportzentrum Im Kleinen Felde

pruessnerHandball

„Die Freitagabende waren oft besonders, muss man ehrlich sagen. Gerade als Eishockey in Herford ein Boom war, hatten wir nur bis 21 Uhr Zeit, dann war Redaktionsschluss und der Kurier brauchte die Bilder, meist richtig Stress, vor allem, weil das Spiel spät anfing. Hattest du den Kurier verpasst, musstest du das Material selbst nach Bielefeld ins Druckhaus bringen. Erst dann war Feierabend und ab in die Eishockeykneipe. Die Spieler kamen auch, die spuckten nicht rein, und es ging bis 4 oder 5 Uhr morgens, Sieg oder Niederlage, das gehörte dazu. So lernte man die Spieler kennen, ist doch klar. Da
musstest du schon einmal mitfeiern.“

pruessnerEishockey

Seine Ausbildung als Werbefotograf und die perfekte Beherrschung der Fototechnik halfen sehr:

„Pass mal auf, das war früher ganz anders als heute. Heute macht die Kamera Zoom, Zoom, Zoom, da hast du alles scharf. Früher musstest du die Kameras noch richtig einstellen, mit Tiefenschärfe und voreingestellter Distanz, sechs bis sechzehn Meter. Wenn du versucht hast, die Schärfe am Objektiv zu drehen, war war alles versaut. Da gehörte auch immer ein bisschen Glück dazu.
Keine Digitalfotografie, erst in der Dunkelkammer sahst du, ob das Bild gelungen war. Wir fotografierten auf Kodak Tri-X Pan, viel auch auf Ilford HP5, alles Schwarz-Weiß, Farbe kam erst später.
Ich habe angefangen mit einer kleinen Konica und einem Tamron-Objektiv, später hatte ich vier Gehäuse: Nikon F2 , zwei Nikon F3, später die F5, die mir wegen der Elektronik nicht so lag. Objektive: meist 80mm oder 105er, auch 35mm und 50er, Weitwinkel 20mm war nicht so mein Ding, da war am Rand immer alles verzerrt, Sport mit 300mm, Blende 2,8 oder dem Novoflex, 400mm Schnellschuss-Objektiv.


Und alles musste immer superschnell gehen:
Ich habe mal ein Oberliga-Spiel gemacht, kam aus Wanne-Eickel. Im Auto arbeitete der Schreiber auf der Schreibmaschine, der Film wurde unterwegs auf der Raststätte entwickelt, im Wechselsack, kurz fixiert, gewässert und dann in Spiritus. Den Film habe ich mit dem Finger abgewischt und an die Autoantenne gehängt. So war er beim Ankommen trocken. Fotos und Bericht waren fertig. So war unser Arbeitstag.“
 pruessnerFußball der Frauen

pruessner ...und der Männer

pruessner ...im Stadion des SC Herford

„Ich habe das damals richtig gemacht. Hätte ich die Versicherungsagentur meines Vaters übernommen, hätte ich mehr verdient. Aber Fotografie hat mir mehr Spaß gemacht … auch die Tage wurden mir nicht lang. Dann ging man noch ein Bierchen trinken, und am nächsten Tag, wenn nichts los war, blieb man eben im Bett. Das war klasse. Ich war unterwegs, morgens wusste man fast nie, was auf einen zukam. Man musste immer wieder neu sehen, was man macht, und genau das hat mir am meisten gefallen. Heute mache ich gar keine Fotos mehr. Ein paar Urlaubsbilder vielleicht. Aber die Zeit ist vorbei. Jeder, der gerne analog fotografiert hat, für den ist die digitale Fotografie heute nur Mist.“

pruessnerWolfgang Prüssner beim Feierabendbier

Die hier gezeigten Aufnahmen stammen aus den erhalten gebliebenen Negativen von Wolfgang Prüssner, aufgenommen in den 1980er Jahren. Lange Zeit lagerten sie unbeachtet in Müllsäcken, bis sie im Rahmen eines größeren Projekts von Reinhard Krause und Reimar Ott gesichert wurden.
Dieses Projekt widmet sich der Erhaltung, Aufbereitung und Veröffentlichung fotografischer Nachlässe, um wertvolle historische Zeitdokumente zu bewahren. Leider geht derzeit ein großer Teil dieses analogen Fotoerbes unwiederbringlich verloren.

„Die Negative, die ich aufgehoben habe, das ist nur ein Bruchteil. Ich hatte noch viel, viel mehr. Sie standen in der Redaktion im Keller. Dann wurde umgebaut, und plötzlich waren die Säcke weg. Da war ich echt sauer. Sie wurden irgendwo entsorgt. Die, die jetzt noch da sind, habe ich gerade noch gerettet."


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Verantwortlich und © 2025 Reinhard Krause
, Reimar Ott
Fotos: Wolfgang Prüssner
Birkenallee 77, 15745 Wildau

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