Als Georg Friedrich Brandseph Mitte des 19. Jahrhunderts sein Atelier in Stuttgart gründete, war die Fotografie noch ein junges Medium. Wie viele frühe Fotografen kam auch er aus den traditionellen Bildkünsten und gehörte zu jener Generation, die den Übergang von Malerei, Lithografie und Grafik zur Fotografie mitprägte.
Aus seinem Stuttgarter Atelier entwickelte sich einer der bedeutendsten fotografischen Betriebe Württembergs. Nach seinem Tod führte Hermann Brandseph das Unternehmen weiter. Er hatte bei Fotografen in Deutschland, der Schweiz und England gelernt und wurde 1880 zum königlich württembergischen Hofphotographen ernannt. Hermann Brandseph war nicht nur erfolgreicher Atelierinhaber, sondern auch ein technisch und gestalterisch reflektierter Fotograf.
1888 schrieb er über die Momentphotographie und erwähnte dabei ausdrücklich seine Arbeit mit Kindern:
„Mehr Gelegenheit zu Moment-Aufnahmen bieten mir die Kinder im Atelier, die ich alle ohne Kopfhalter aufnehme, und denen ich möglichst eine ungezwungene, aber doch künstlerische Haltung beizubringen suche.“
Dieser Satz beschreibt sehr genau, worin die besondere Qualität der Kinderporträts aus dem Atelier Brandseph liegt. Der Verzicht auf Kopfhalter war damals keineswegs selbstverständlich. Kinder gehörten im 19. Jahrhundert zu den schwierigsten Motiven überhaupt, weil lange Belichtungszeiten völlige Ruhe verlangten. Selbst Erwachsene hatten damit Mühe; für Kinder war es oft kaum möglich.
Die Kinderbilder aus dem Atelier Brandseph sind keine spontanen Momentaufnahmen im heutigen Sinn. Sie bleiben sorgfältig arrangierte Atelierfotografien. Haltung, Kleidung, Möbel, Requisiten und Blick wurden kontrolliert. Die Kinder sitzen oder stehen vor neutralen Hintergründen, auf Teppichen, neben Stühlen, Tischen oder dekorativen Ateliermöbeln. Damit folgen die Bilder den Konventionen der bürgerlichen Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts.
Gerade interessant ist aber die Spannung zwischen dieser Kontrolle und einer gewissen Lebendigkeit. In den Blicken, kleinen Unsicherheiten der Haltung, der Nähe zwischen Geschwistern oder der Art, wie ein Kind ein Requisit hält, erscheinen die Kinder nicht nur als dekorative Figuren einer Familienrepräsentation. Sie bleiben als Kinder erkennbar.
Natürlichkeit entsteht hier also nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis fotografischer Erfahrung und sorgfältiger Regie. Sowohl Friedrich und auch Hermann Brandseph wollten den Kindern eine „ungezwungene“, zugleich aber „künstlerische Haltung“ geben. Was damals als anmutig und kunstvoll galt, kann heute allerdings als zu sentimental wirken.
Die Kinderporträts der Brandsephs besitzen einen doppelten Wert. Sie sind persönliche Erinnerungsbilder einzelner Familien und zugleich Dokumente der Fotogeschichte. Sie zeigen, wie technische Innovation, fotografisches Können und gesellschaftliche Vorstellungen zusammenwirkten.
Nicht weil diese Bilder im heutigen Sinn natürlich wären,
sondern gerade weil sie die Spannung zwischen Kontrolle und
Lebendigkeit sichtbar machen, sind sie so interessant. Sie
stehen zwischen Atelierkonvention, technischer Herausforderung
und dem frühen Versuch, Kinder nicht nur korrekt abzubilden,
sondern als eigene Persönlichkeiten erscheinen zu lassen.
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